Armed Ape Theory und Sprachentwicklung

Bei der fünfjährigen Arbeit am “Zeitalter der Werfer” (ZdW), dem nun 10 Jahre alten, nach wie vor grundlegenden Buch zur Armed Ape Theory, habe ich ein Detail übersehen. Dies ist mir sehr peinlich, denn dieses Detail betrifft ein zentrales Rätsel der Menschwerdung: Warum entwickelten unsere Vorfahren die Sprachfähigkeit? Obwohl ich ein naheliegendes Erkärungsmuster für zahlreiche andere, typisch menschliche Eigenschaften genutzt habe, kam es mir nicht in den Sinn es auch auf die “heilige Kuh” Sprachfähigkeit anzuwenden. Vielleicht hatte ich unterbewußt Angst vor dem “Vorwurf” alles, aber auch wirklich alles in der menschlichen Evolution auf das Werfen zurückführen zu wollen. Mein Modell schien auch ohne eine überzeugende Erklärung für die Sprachentwicklung bereits “zu schön um wahr zu sein”.

Es ist durchaus nicht so, dass ich mich gar nicht mit der Entwicklung der Sprachfähigkeit befasst habe. William Calvin hatte bereits darauf hingewiesen, dass Anpassungen des Gehirns an das Werfen die Entwicklung der Sprachfähigeit erleichtert haben könnten. Ihm folgend habe auch ich mich auf ähnliche Überlegungen eingelassen, einen triftigen Grund, warum es zur Sprachentwicklung gekommen ist, habe ich dabei aber nicht geliefert. Einigermaßen sicher war ich mir nur hinsichtlich der Aussage, dass es sich bei der menschlichen Sprachfähigkeit nicht um eine Anpassung an die Kulturfähigkeit gehandelt haben kann. Diese traditionell favorisierte These passt einfach nicht zum archeologischen und paläontologischen Befund.

Wie sieht nun das Erklärungsmuster aus, das bei mir heute im Verdacht steht auch das Rätsel um den Beginn der Sprachentwicklung lösen zu können? Ich habe im ZdW eine ganze Reihe menschlicher Eigenschaften als Folgeanpassungen interpretiert. Anpassungen an das Leben als Werfer unter Werfern. Im Gegensatz zu den zahlreichen Anpassungen an das Werfen selbst, ging es bei diesen Folgeanpassungen nicht um die Verbesserung des Werfens an sich, sondern um Lösungen für Probleme, die die Verfügbarkeit einer Fernwaffe mit sich brachte. Hier einige Beispiele:

- Die Körperumrisse von Männern und Frauen sind bei Menschen deutlich unterscheidbar, wobei die weiblichen Körperproportionen gerade in der Lebensspanne zwischen Pubertät und erster Schwangerschaft als am attraktivsten empfunden werden. In der ArmAT entspricht die natürliche Gruppenorganisation des Menschen derjenigen der Schimpansen. Das heißt, dass junge Frauen Kontakt mit fremden Männern aus verfeindeten Nachbargruppen aufnehmen mußten (das betreffende Kapitel aus dem ZdW habe ich hier im Blog im Beitrag vom 01.09.2009 eingestellt). Bei der ersten Kontaktaufnahme mit einem potentiell gefährlichen Mann aus einer verfeindeten Nachbargruppe, der über eine Fernwaffe verfügte, war es wichtig, bereits über eine Entfernung, die die Reichweite dieser Fernwaffe überschritt als Frau und potentielle Sexualpartnerin wahrgenommen zu werden. Hilfreich war dabei, dass gerade die Körperproportionen, in denen junge Frauen am deutlichsten von Männern abweichen (Brüste, schmale Schultern), Höchstleistungen beim Werfen im Wege stehen. Gleichzeitig weckt die gut erkennbare, schmale Taille bereits auf große Entfernung die Hoffnung, dass diese junge Frau noch nicht schwanger ist.

- Das Weinen dient beim Menschen als Beschwichtigungs- und Unterwerfungsgeste und hat damit eine ähnliche Funktion wie das Präsentieren der Halsschlagader bei Wölfen. Wichtig bei derartigen Gesten ist der Ausschluß einer möglichen Täuschung dadurch, dass man sich wehrlos macht und dem anderen tatsächlich “auf Gedeih und Verderb” ausliefert. Als Werfer sind Menschen auf die Nutzung visuell gesteuerter Fernwaffen spezialisiert. Tränen behindern die Wahrnehmung und verringern damit die Gefährlichkeit eines Werfers. Gleichzeitig erschweren die Zuckungen beim Schluchzen die Koordination der hochkomplizierten Präzisionsbewegung, um die es sich beim gezielten Wurf handelt. Ein schluchzender Mensch ist ein schlechter Werfer und daher relativ harmlos.

Die Spezialisierung auf die Nutzung einer Fernwaffe machte den Menschen zu einem Distanztier. Andererseits waren unsere Vorfahren bereits vor den umfangreichen Anpassungen an das Werfen, die vor ca. 2 Millionen Jahren einsetzten, ausgesprochen soziale Primaten, deren Überleben vom Zusammenhalt der Gruppe abhing. Bei Primaten setzen wichtige soziale Interaktionen körperliche Nähe voraus. Die wichtigste Handlung zur Pflege sozialer Kontakte unter Primaten ist die soziale Körperpflege - das “Groomen”. Die körperliche Nähe für derartige Handlungen nach einer Auseinandersetzung wieder her zu stellen konnte unter Werfern zu einem echten Problem werden. Ein soziales Tier, das über eine Fernwaffe verfügt, braucht zum Ausgleich zur Fähigkeit über Distanz zu kämpfen die Fähigkeit zu sozialen Interaktionen über Distanz, die geeignet sind, Bindungen zu stärken. Es ist peinlich, aber wahr, dass mir die Bedeutung dieses Sachverhalts erst bewußt wurde, als ich lange nach der Veröffentlichung des ZdW las, dass ein Wissenschaftler (Robin Dunbar) vor dem Hintergrund einer anderen Hypothese zur Sprachentwicklung das Sprechen als “Groomen über Distanz” bezeichnete. Sprache eignet sich unter anderem sehr gut dazu, zu Menschen, denen man  im Moment lieber nicht zu nahe kommen möchte, einen Kontakt her zu stellen und eine allmähliche Annäherung einzuleiten.  Man kann dies sogar aus einer Deckung heraus tun - ein Szenario, das ironischerweise in Filmen ausgesprochen beliebt ist. Wie würde z.B. ein Filmkomödien-Klischee-Italiener versuchen, seine Geschirr werfende Filmkomödien-Klischee-Ehefrau zu beschwichtigen?

Im gleichen Kontext sind beim Menschen wahrscheinlich Leistungssteigerungen in den Bereichen Mimik und Gestik und gleichzeitige Leistungseinbußen beim Geruchssinn zu sehen - Der Mensch ist ein Distanztier, bei dem distanztaugliche Mechanismen bei der Wahrnehmung und der sozialen Interaktion deutlich an Bedeutung gewonnen haben, zu Lasten von Mechanismen, die nur über kurze Entfernungen funktionieren. Bei der Partnerwahl haben z.B. optische Reize deutlich an Bedeutung gewonnen und der Geruch verloren. Auch die weißen Augäpfel passen hier ins Bild, weil Augen bei sozialen Interaktionen von Primaten eine wichtige Rolle spielen und die wißen Augäpfel die Blickrichtung des Sozialpartners über große Distanzen wahrnehmbar machen.

Unter Sprachforschern galt lange Zeit die Entstehung der Grammatik als das große Rätsel im Kontext der Entwicklung der Sprache. Dies hat sich deutlich entspannt, seit man in Computersimulationen herausgefunden hat, dass zwei anfangs über keinen gemeinsamen Code verfügende Interaktionspartner, die sich tatsächlich um eine Kommunikation bemühen, sehr schnell dazu kommen gemeinsame Kommunikationsregeln zu entwickeln. Ein sehr interessanter Prozess der kulturellen Evolution, bei dem funktionale Komplexität überwiegend in den schöpferischen Gehirnen zweier Interaktionspartner entsteht. Eine einmal entstandene Grammatik konnte ihrerseits zu einem biologischen Selektionskriterium werden - 2 Millionen Jahre praktizierter Sprache mit hoher Bedeutung für das Überleben in der Gruppe einerseits und der Gruppe als Ganzes andererseits genügen sicher zur Entwicklung eines Sprachinstinkts und evolvierter Mechanismen zum Erlernen der Sprache. Das eigentliche Rätsel im Bereich der Sprachentwicklung ist heute die Frage nach der Motivation am Beginn dieses Prozesses - Schimpansen könnten mit den Hilfsmitteln, die ihnen von Natur aus ohnehin zur Verfügung stehen wesentlich mehr kommunizieren, haben dafür aber anscheinend keinerlei Bedarf. Soziale Primaten fühlen sich jedoch unwohl und bedroht, wenn sie von der Gruppe abgeschnitten werden. Und wenn ich mir einen Homininen vorstelle, der vor der Aufgabe steht nach einem Streit mit dem nun zurecht verärgerten Alpha seinen Platz in der Gruppe wieder einzunehmen, dann denke ich, dass es in diesem Zusammenhang nicht an der Motivation fehlte, jeden Versuch zur Kommunikation über Entfernung auszuprobieren. Natürlich ist dies nur ein herausgegriffenes, markantes Beispiel dafür, dass Distanzwaffen die Entwicklung Distanztauglicher sozialer Interaktionen nach sich ziehen sollten.

Die Interpretation der Sprache als direkte Folgeanpassung an das Werfen führt zu zeitlichen Verschiebungen innerhalb meines Modells der menschlichen Evolution. Im ZdW habe ich angenommen, dass Werfer-Anpassungen den Anpassungen an die Sprachfähigkeit vorausgegangen sind und vermutet, dass Werfer-Anpassungen für sich genügen um die Expansion des Gehirnvolumens beim Übergang zum Homo erectus zu erklären. Heute gehe ich davon aus, dass Leistungssteigerungen beim Werfen unverzüglich zur Selektion verbesserter Sprachfähigkeit führen mussten. Eine zeitliche Trennung beider Prozesse ergibt für mich heute wenig Sinn. Die Enwicklung der Sprachfähigkeit setzte also spätestens vor 2 Millionen Jahren ein und könnte daher einen Beitrag zur Vergrößerung des Gehirns beim Übergang zum Homo erectus geleistet haben.

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